„…die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ (Gal 3, 27)

Über die Taufe

 

Liebe Gemeinde, liebe Familie Donateo,

 

jetzt ist es fast ein Jahr her, dass wir uns hier in dieser Kirche versammelthatten, um das Fest Ihrer Hochzeit zu begehen und die Taufe der kleinen Amelie zu feiern. Die Zeit vergeht doch wie im Fluge, oder? Am 4. Juli 2015 um 14.00 Uhr ist es gewesen, dass Sie und Ihre Angehörigen hier beisammen waren und einen schönen Gottesdienst miteinander gefeiert haben, mit einem Chor und viel Musik. In diesem Gottesdienst ist Amelie getauft worden. Sie hat damals den Taufspruch erhalten: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Kor 13, 13) Es ist zugleich der Spruch gewesen, unter den Sie beide sich für Ihre Ehe, für Ihre gemeinsame Zeit miteinander, herausgesucht haben - ein biblischer Spruch, der die Liebe besonders hervorhebt. Und was ist wichtiger heute als die Liebe? Ich denke, Sie erinnern sich heute gut an diesen Gottesdienst und Ihre Gedanken schweifen heute zurück. Im Zeichen der Erinnerung an die Taufe soll heute meine Predigt gehen, ich lade Sie ein, sich in den folgenden Minuten mit mir zusammen ein paar Gedanken zumachen zur Taufe.

Wir taufen mit Wasser auf den Namen unseres Herrn Jesus Christus. Wir erinnern uns dabei an die Taufe Jesu durch Johannes, den Täufer, im Jordan vor knapp 2000 Jahren. Johannes hat getauft -auch Jesus. Daran erinnern wir uns bei jeder Taufe. Und wir erinnern uns, wenn wir eine Taufe erleben, auch an unsere eigene Taufe. Jeder von uns ist einmal getauft worden, die meisten von uns vermutlich als Kinder.

Es gibt Zeichen, die uns später an die Taufe erinnern. Wasser haben wir bereits genannt. Wasser gehört zu jeder Taufe dazu. Dreimal wird fließendes Wasser über den Kopf des zu Taufenden gegossen bzw. der Kopf wird mit Wassertropfen benetzt. Ein anderes Zeichen bei der Taufe ist die Taufkerze.

Die Taufkerze steht für das Licht, das mit Christus in die Welt gekommen ist. Symbolisch -zeichenhaft -steht die Taufkerze dafür, dass dieses Licht den Weg des getauften Kindes erhellen möge. Wir zünden die Taufkerze an der Osterkerze hier am Altar an. Das wollen wir auch heute tun. -(Anzünden) -

„Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Nehmt diese brennende Kerze zum Zeichen, dass Christus das Licht unseres Lebens ist." Möge das Licht Amelie auf ihrem Lebensweg scheinen und sie der gütige Gott Vater, Sohn und Heilige Geist vor allem Unheil bewahren. Möge sie ein gutes und gottgefälliges Leben führen und möge sie gute Freundinnen und Freunde finden, die sie auf ihren Wegen begleiten mögen. Darum bitten wir heute den barmherzigen und ewigen Gott, durch Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, der mit dem Heiligen Geist lebt und Leben schafft von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

In vielen Familien, die ich kenne, gibt es die Tradition, die Taufkerze am Tauftag oder am Geburtstag anzuzünden. Wenn das Kind dann zum Jugendlichen geworden ist, dann ist die Kerze bei der Konfirmation meist ganz klein geworden. Die Taufkerze ist ein Zeichen für das Leben, für das Leben mit Christus. In der römisch-katholischen Kirche gehört die Taufkerze zum festen Ablauf der Taufzeremonie dazu, ist liturgisch sozusagen fest im Taufgottesdienst eingebaut und spielt auch bei der Trauung und sogar bei der Beerdigung noch eine gewichtige Rolle, wie mir ein katholischer Freund neulich gesagt hat. Bei uns Evangelischen hat die Taufkerze keine so lange Tradition wie in der katholischen Kirche. Ich selbst beispielsweise habe keine Taufkerze gehabt bei meiner eigenen Taufe. Früher, als ich getauft worden bin, vor 53 Jahren, hat es so etwas nicht gegeben. Nun muss man dazu sagen, dass ich in einem fast reinen evangelischen Gebiet im Weserbergland aufgewachsen bin. Katholische Christinnen und Christen hat es in meiner Kindheit wenig gegeben. Die Gegend, in der ich getauft worden bin, ist schon sehr früh reformiert geworden. Sie wissen ja, vor 500 Jahren ist es darum gegangen, ob der jeweilige Fürst die Reformation Martin Luthers unterstützt hat oder nicht. Bei mir zu Hause ist das der Fall gewesen. Der Herzog von Braunschweig ist ganz schnell evangelisch geworden, er hat seinen Machtbereich, das Herzogtum Braunschweig, ganz schnell der damals fortschrittlichen reformatorischen Bewegung angeschlossen. Seither gibt es dort mehrheitlich Evangelische -also anderes als hier am Hochrhein, wo es historisch bedingt, mehr Katholiken als Protestanten gibt. Heute gehört selbstverständlich auch im Weserbergland die Taufkerze zur Feier dazu. Manchmal basteln die Taufkerze heutzutage die Patinnen und Paten für den Täufling; manchmal werden die Kerzen auch als Taufkerzen gekauft, sind für die Jungen in Blau und für die Mädchen in Rosa gehalten. Manchmal steht auf einer Taufkerze auch der Name des Täuflings und sein Taufdatum. Auf dieser hier, in Rosa gehalten, findet man als Symbol den Regenbogen, Zeichen der Verbindung Gottes mit uns Menschen, Zeichen des noachitischen Bundes.

Ich selbst bin als Baby getauft worden, und zwar am am 16. Juni 1963 ist das gewesen, in der alt-ehrwürdigen Sankt Martin-Kirche zu Eschershausen.Meine Eltern, meine Schwester und meine Paten haben sich damals um den alten Taufstein in der Kirche, die den Namen des Heiligen Sankt Martin trägt, versammelt, meine Großeltern und meine Tante sind bei meiner Taufe anwesend gewesen. Die Taufe -ein Familienfest, ähnlich wie heute. Der Pastor, der mich getauft hat, hieß Werner Gieseke; er hat mich 14 Jahre später auch konfirmiert. Zur Taufe hatte ich damals zwar keine Taufkerze bekommen, aber ich hatte so etwas Ähnliches, Wichtiges: Ich hatte ein Taufkleid an -ein weißes Kleidchen, in dem schon mein Vater 1926 getauft worden war, in dem meine Schwester als Baby steckte, das ich - wie gesagt - bei meiner Taufe an hatte und das auch später meine vier Kinder bei ihrer Taufe getragen haben. Es hat den Krieg und die Zeit überdauert: Ich habe mein Taufkleid Ihnen einmal mitgebracht (ich zeige der Gemeinde mein Taufkleid). Das ist es also -das weiße Taufkleid, in dem ich als Kind in Eschershausen gesteckt habe. Mein Taufkleid! Fast 100 Jahre alt! Viele Jahre mottensicher verpackt und von meiner Mutter mit Sorgfalt aufgehoben - in weiß, schlicht gehalten. Es gibt in vielen Familien die Tradition, Taufkleider weiter zu geben, - dabei gibt es keine allgemein gültige Regel in Deutschland.

Das Zeichen, ein Taufkleid zu tragen, wird aus einer Stelle im Galaterbrief abgeleitet, also aus der Bibel. Dort heißt es: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ (Gal 3, 27) Das Tragen eines neuen weißen Kleides ist ein Zeichen für das Neuwerden in Christi, ein Zeichen für eine neue Identität, für den Glauben an die Auferstehung. „…ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ In der Regel ist das Taufkleid, so auch dieses, viel länger als der Täufling, der getauft wird.

Dadurch soll symbolisch dargestellt werden, dass der Glaube, den der Täufling anzieht, für ihn prinzipiell zu groß ist, aber dass er in die christliche Tradition mit den Jahren immer mehr hineinwachsen wird -so wie in dieses

Taufkleid. Wir geben unseren Glauben, unsere Überzeugungen, weiter imLeben; wir leiten unsere Kinder an, wir erziehen sie und geleiten sie allmählich in die christliche Tradition. Wir feiern die Feste mit ihnen, wir lehren sie unsere Gebete und geben sie weiter, wir vermitteln unseren Kindern die christlichen Werte.

Wir finden auf Taufkerzen heute einige christliche Symbole, einige christlicheZeichen -wie ein Kreuz oder das Alpha- und Omega-Zeichen. Oder wir finden die Sonne als Licht und Lebensquelle oder die Taube als Zeichen für den Heiligen Geist auf den Taufkerzen. Das Taufkleid hier ist hingegen schlicht und einfach in Weiß gehalten, ohne Zeichen und Symbole. Und dennoch ist das weiße Taufkleid selbst ein Symbol, ein Zeichen. Warum?

Weil Weiß in unserem Kulturkreis für Unbeflecktheit, für Jungfräulichkeit, steht, das Gegenteil für Schwarz als Zeichen der Dunkelheit und der Trauer ist. In manchen Kulturen ist es andersrum, bei uns ist es so. Weiß ist ein Zeichen für Reinheit! Die Taufe ist in gewisser Weise ein Reinigungsritual, und weiß steht hierbei für Reinlichkeit. Dabei geht es aber nicht um äußere Reinheit, also im Sinne von Reinlichkeit oder Sauberkeit, sondern um innere Reinheit. Es geht um das Reinheit im spirituellen Sinn, es geht um die geistig-

geistliche Dimension. Weil Reinheit so schwer zu definieren ist -wer kann schon von sich sagen, dass er ohne Sünde sei?, wie schon Jesus gesagt hat-, weil Reinheit so schwer zu definieren ist, ist sie aber keine Voraussetzung für die Teilnahme am christlichen Gottesdienst, sie ist keine Vorbedingung für das Gebet, für die Begegnung mit dem barmherzigen Gott. Reinheitsgebote im Sinne von Sauberkeitsgeboten kennt weder der römisch-katholische noch

der evangelische Glaube.

Wohl aber ist Weiß wichtig gewesen in der Geschichte der christlichen Kirche: Ich erinnere an die Ritter des Templerordens, die im 12. Jahrhundert als Kreuzritter das heilige Jerusalem von den Muslimen befreien wollten. Doch heute wissen wir, dass die weißen Mäntel dieser Ritter oft rot getränkt waren vom Blut, das auf ihren Kreuzzügen geflossen ist…

Und Weiß spielt heute noch bei uns noch eine Rolle: Viele Jahre ist es der Traum einer jeden Frau gewesen, in Weiß zu heiraten und in einem weißen Hochzeitskleid vor den Altar zu treten. Heute hat sich das ein bisschen geändert - heute sind die Hochzeitskleider auch schonmal creme- oder lachsfarben. Aber der Gedanke der Reinheit ist noch immer aktuell. Auch Taufkerzen sind heute weiß und nicht rot oder grün oder schwarz. Aber der Reinheitsgedanke hat sich verändert. Während in den 50er- und 60er-Jahren beispielsweise eine Frau, die vor der Ehe schwanger war oder ein Kind bekommen hat, nicht in Weiß heiraten durfte -die Älteren erinnern sich vielleicht daran, der gesellschaftliche Druck war einfach zu hoch! -, ist es heute bei den Leuten,die heiraten, fast zur Regel geworden, dass wie bei Ihnen „Traufe“ gefeiert wird: also Trauung und Taufe in einem `Aufwasch´, in einem Rutsch, und zwar gerne auch in Weiß. Das ist doch völlig normal! Mit Grausen denken wir an die sozial restriktiven 50er- und 60er-Jahre zurück. Heute legen wir unseren Nächsten nicht auf öffentlich seine oder ihre Fehlerhaftigkeit und Fehlbarkeit fest und halten ihn in Schwarz und uns selbst in Weiß als Zeichen unserer äußeren Perfektion und stellen ihn wegen angeblicher Verfehlungen an den Pranger. Nein, heute hoffen wir für alle und jeden, dass ihre oder seine Begegnung mit der christlichen Tradition und dem lebendigen Gott zu neuer Stärke und Kraft führen mögen und dass uns unser Glaube befreien möge aus den „gottlosen Bindungen dieser Welt“ (Barmen II) und uns froh machen möge. Den kleinen Perfektionisten tragen wir alle schon in uns selbst, dazu brauchen wir nicht die Kirche oder unseren Nachbarn. Wir haben selbst die Schere der Perfektion in uns drin und hadern mit uns und ärgern uns selbst, wenn wir nicht so sind, wie wir eigentlich sein wollen. Und: Wir legen heute unseren Nächsten nicht auf seine Fehlerhaftigkeit und Sündhaftigkeit fest, und verteufeln ihn, wenn er nicht perfekt ist! Weiß steht heute in der Kirche dafür, dass wir alle eingeladen sind, uns an den christlichen Idealen wie Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Nächstenliebe zu orientieren und uns an an der froh machenden Botschaft des Evangeliums aus- und aufzurichten. Rituale wie eine Tauffeier oder eine Konfirmation - wir haben die letzten vier Sonntage im Klettgau und in Kadelburg Konfirmation gefeiert -Rituale dienen heute der Vergewisserung des eigenen Glaubens, der eigenen Identität und der eigenen Souveränität.

Die Taufkerze und das Taufkleid - beides nach außen sichtbare Zeichen des christlichen Glaubens. Aber grundsätzlich gilt sowohl für die Taufkerze als auch für das Taufkleid: Beides sind sog. „adiaphora“, also Dinge, die für den Glauben nicht entscheidend sind. Es spielt keine Rolle, ob ein Täufling bei der Taufe ein Kleid trägt oder nicht und ob eine Kerze angezündet wurde oder nicht. In unserem Glauben ist entscheidend, dass das Kind mit fließendem Wasser getauft worden ist. Das ist eine einmalige Angelegenheit! Die heilige Taufe ist allgemein gültig, sie kann nicht wiederholt werden. Sie ist im besten Fall eine „gestreckte Handlung“, das heißt, sie begleitet einen das ganze Leben hindurch. Die Taufe wird nicht wiederholt, sie ist einmalig. Über die Taufe wird man Christ, nicht über die Beschneidung oder ähnliches. Mit der Taufe wird man in die weltweite Kirche aufgenommen. Die unterschiedlichen Kirchen kennen die Taufe heute gegenseitig an. Die Taufe mit Wasser ist das

Zeichen der Zugehörigkeit zu Christus -nicht die Kerze oder das Taufkleid. Beides sind nur schöne, gutgemeinte äußere Zeichen, Zeichen auch der wehmütigen Erinnerung an die Zeit, als andere aus der Familie noch unter uns gewesen sind. Die Taufe geschieht mit Wasser und durch den Heiligen Geist. Wir Menschen mögen Zeichen. Wir Menschen sind so gestrickt, dass wir Zeichen, Symbole, mögen. Und deshalb haben auch wir Zeichen wie Taufkleider oder Taufkerzen. Wir Menschen mögen Zeichen, denn durch sie wird unser abstrakter Glaube manchmal etwas greifbarer. Wenn wir etwas sehen und anfassen, begreifen können, dann wird unser Glaube ein stückweit sichtbarer. So sind wir Menschen. Nicht umsonst sagt Jesus: „Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben.“

Liebe Gemeinde, liebe Familie Donateo! Ich wünsche Ihnen weiterhin eine schöne Zeit zusammen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie gemeinsam als Familie Ihren Weg durchs Leben gehen können. Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen tiefe Schicksalsschläge erspart bleiben und Ihnen das Glück hold ist. Mögen Siedie Kraft finden, Ihren Glauben und Ihre Überzeugungen zu leben. Mögen Sie im Glauben an Jesus Christus, auf den Amelie letztes Jahr getauft und damit in die weltweite Christenheit hineingenommen wurde, wachsen und möge der barmherzige Gott und der Heilige Geist Sie in all Ihrem Tun, in all Ihren Entscheidungen leiten und stärken! Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.